2.4.4 Der Lebensbaum
Doch abgesehen vom hohen optischen Reiz sind die Lebensbäume auch zentrale Bedeutungsträger des Werkes. „Der wahre Sinn der Tänzerin und des Liebespaares offenbart sich erst im Zusammenhang mit der Darstellung des Lebensbaumes, der mit seinen Wurzeln tief in die Erde dringt, und dessen Äste bis in den Himmel reichen.“ 32 Der Lebensbaum steht für die Achse der Welt, den Kreislauf des Lebens – so auch im Stoclet - Fries. Die Äste enden in geschwungenen Spiralen, die Sehnsucht nach räumlicher, wie geistiger Weite symbolisieren. Die Spirale kann unterschiedlich gedeutet werden: Ausgehend von der Drehrichtung könnte man sagen, daß sich Spiralen „vom Mittelpunkt aus gesehen, in unterschiedlicher Drehrichtung entrollen, dem Uhrzeigersinn entsprechend oder ihm entgegengesetzt. Die mit dem Uhrzeiger laufende Richtung gilt von jeher als die Richtung des sich aufrollenden Lebens, der Evolution... während die dem Uhrzeiger entgegengesetzte Richtung die des sich wieder einrollenden Lebens, der Rückbildungs- und Alterungsprozesse, der Regression, schliesslich des Sterbens, angibt.“ 33 Eine andere Variante geht davon aus, daß die Richtung nach innen Konzentration, die Richtung nach außen grundsätzlich Entwicklung bedeutet. Die Spirale ist beides, eine künstlerische Geometrisierung und eine symbolische Abstraktion der dynamischen Schlange. 34 Zwischen den Ästen des Baumes sitzen auf jeder Seite drei schwarze rotäugige Raubvögel. Sie gleichen dem Horusfalken aus dem ägyptischen Totenbuch. Ein weiteres ägyptisch inspiriertes Detail sind die Doppelaugen, die wie Früchte aus den Zweigen wachsen. Es ähnelt dem Horusauge, dem stärksten Amulett des antiken Ägypten. Es steht für die Wiedergeburt alles Verstorbenen. Dieselbe Bedeutung hat der Schmetterling in der chinesischen Symbolsprache. Auch Schmetterlinge unterschiedlicher Größe tauchen als Detail in der Nähe der Rosenbüsche und Tänzerin auf. Rätselhaft sind die barkenähnlichen Auswüchse der Zweige, langgestreckte Ranken, die ein weiß-grün-goldenes Zickzackmuster schmückt. Zu Füßen des Lebensbaumes erstreckt sich eine Blumenwiese – ein Verweis auf biblische Paradiesvorstellungen. Blüten symbolisieren außerdem Fruchtbarkeit, Reife und Hoffnung. Klimts Konzept des Lebensbaumes verweist auf Vergehen und ewige Erneuerung. | ||||